28. April 2022

„… dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir …“

Von Éva Péli

Die Überschrift gibt eine Liedzeile aus dem DDR-Kinderlied „Kleine weiße Friedenstaube“ wieder. Der Text des Liedes findet sich zu Beginn der neuen Ausgabe des Magazins „ViER.“, die dem Frieden gewidmet ist. Zahlreiche Beiträge des jungen Printmediums beschäftigen sich mit aktuellen und grundlegenden Aspekten des Themas.

Von Éva Péli

„Erster und wichtigster Schritt ist der Wille zum Frieden.“ Das sagt der Schweizer Friedensforscher und Historiker Daniele Ganser in einem Interview in der am 12. April erschienenen Ausgabe 2/2022 des Printmagazins „ViER.“ Er ist davon überzeugt, dass der Ausstieg aus der Gewaltspirale grundsätzlich möglich ist. Entscheidend sei, dass wir den inneren und äußeren Frieden wirklich wollen.

Ähnliches ist im Heft in einem Beitrag über ein langes Interview des Schweizer Militärexperten Jacques Baud zu lesen: „Wenn man nicht versteht, wie ein Krieg entsteht, dann kann man keine Lösung finden. Wir sind genau in dieser Situation.“  Diese Sicht prägt die aktuelle Ausgabe des Magazins mit der Friedenstaube auf der Titelseite.

Mit dem zurzeit zweimonatlich erscheinenden Magazin trotzt der Herausgeber Uwe Strachau aus Melle in Niedersachsen seit Juni 2021 der Corona-Pandemie und der Medienkrise. Es soll Lücken schließen, die die etablierten Medien hinterlassen haben. Das Magazin will sich künftig mit allen gesellschaftlich relevanten Themen befassen – von Politik über Wirtschaft und Wissenschaft bis zur Kultur.

Schweigende Medien

Historiker Ganser erinnert an die Vorgeschichte der Invasion Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022: an den Bürgerkrieg im Donbass, der in den letzten acht Jahren 14.000 Menschenleben gefordert hat. Und bedauert: „Darüber wurde in unseren Medien kaum berichtet. Das Thema Corona hat alles andere verdrängt.“

Neben dem Schweizer Friedensforscher, dem Journalisten und Verleger Hannes Hofbauer aus Österreich, dem Ex-Bundestagsabgeordneten Alexander Neu sowie dem Schriftsteller und Publizisten Wolfgang Bittner aus Deutschland geben weitere Autoren Auskunft über Hintergründe und Interessen der Beteiligten am zum Krieg zugespitzten West-Ost-Konflikt. Sie tragen zum Verstehen der Ursachen des Krieges bei.  Damit will das Magazin „ViER.“ „ein Brückenbauer sein“, statt Brücken abzureißen.

Die aktuelle Frühlingsausgabe hat den Frieden als Schwerpunktthema: Und das sei nicht nur dem nahen christlichen Osterfest mit den traditionellen Ostermärschen der Friedensbewegung geschuldet, schreibt Redaktionsleiter Tilo Gräser im Editorial. Außerdem bringt das Heft weitere Beiträge zum Thema Corona und zu den Hintergründen sowie Folgen der Pandemie.

Bestes Herrschaftsmittel

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz beschäftigt sich mit den psychischen Zuständen der „narzisstischen Gesellschaft“ und hält die „Panikdemie“ für das „beste Herrschaftsmittel“. Gunnar Kaiser stellt in einem Auszug seines neuen Buches zehn Punkte der Propaganda vor, „mit denen sich eine Gesellschaft im Bann halten lässt“. Damit setzt er sich mit der Rolle der Medien auseinander.

Eugen Zentner spricht mit dem Berliner Chanson-Sänger Boris Steinberg über die finanziellen Einbüße der Kleinkünstler, über ihre Unsicherheit, öffentlichen Druck, Widerstand, Zensur und noch mehr. Und Beate Liebichau bedankt sich bei der evangelischen Kirche – ihrer „Heimat“ seit der Kindheit – für „die wirklich gute Zeit“ und sagt ihr: Ade! „Scheiden tut weh.“

Völkerrechtswidriges Verhalten

Der Friedensforscher Ganser betont im Interview mit „ViER.“, dass Russlands Invasion in die Ukraine ein klarer Verstoß gegen das UN-Gewaltverbot und daher illegal sei. Diese Ansicht teilt der Rechtsanwalt Friedemann Willemer in seinem Beitrag. Zugleich macht er klar, dass der Westen sich ebenfalls nicht als Richter aufspielen kann. Denn: „Die maßlosen Sanktionen und die Waffenlieferungen des Westens sind völkerrechtswidrig“ und „verletzen das allgemeine Gewaltverbot“. Der Publizist Wolfgang Bittner schreibt dazu: „Ob dieser Krieg Russlands gegen die Ukraine völkerrechtswidrig ist, oder ob es sich vielmehr um Notwehr gegen eine existentielle Bedrohung handelt, ist bisher von keiner Seite untersucht worden. Das Thema ist ein Tabu.“

Ganser weist auf drei große Fehler des Westens hin: auf den Wortbruch der USA bezüglich der Nato-Osterweiterung im Jahr 1999 durch die Aufnahme von Polen, Ungarn und Tschechien; dann das Drängen der USA 2008 auf die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine und Georgien. Für den dritten schweren Fehler hält Ganser den Putsch in Kiew 2014. Darin sieht er die Wurzel des Ukrainekrieges.

„Obamas Putsch“ war aus seiner Sicht ebenso „ein Verstoß gegen das UN-Generalverbot und daher illegal“. Der Historiker bedauert, dass heute niemand mehr über diesen Putsch der USA spreche und betont, es sei wichtig, daran zu erinnern: „Denn erst danach hat sich die Halbinsel Krim 2014 in einer Abstimmung zu Russland geschlagen.“

Notwendige Deeskalation

„Was es jetzt braucht, ist Deeskalation“, so Ganser und fügt hinzu: „Sowohl die Ukrainer als auch die Russen gehören zur Menschheitsfamilie. Es leben wunderbare Menschen auf beiden Seiten der Gefechtslinie.“ Doch wie könnte wohl die Entspannung aussehen? Dafür hat Ganser auch eine Antwort parat: „Der Westen muss einräumen, dass der Putsch von 2014 ein grober Fehler war. Und Russland muss seine Truppen wieder aus der Ukraine abziehen. Die Ukraine sollte erklären, dass sie niemals der Nato beitreten wird.“

Entscheidend sei der Wille zum Frieden, hebt Ganser hervor und verweist auf die Rolle der Achtsamkeit, die er selbst regelmäßig praktiziert. Wer sich in Achtsamkeit übe, könne nicht mehr so leicht durch psychologische Operationen getäuscht werden.

Der im Herbst 97-jährige Neuro- und Pathophysiologe Karl Hecht plädiert in einem Interview mit der „ViER.“ ebenfalls für ein achtsames Leben und nennt ein persönliches Beispiel: „Mit starkem Willen, Visualisierung und Meditation sowie mit Bewegung im Wald sind meine gebrochenen Halswirbel geheilt!“

Nützliche Angst

Professor Hecht hält dagegen den Transhumanismus für eine Robotisierung des Menschen. Er verurteilt diesen Trend aufs Schärfste: „Das Schlimmste ist: Der Mensch wird nicht nur entmenschlicht, sondern er kann unter einer ständigen Kontrolle auch gesteuert werden.“ Für ihn handelt es sich um „ein Verbrechen an dem Menschen, an der Menschlichkeit, überhaupt solche Ideen zu äußern“.

Auch die Angst kann entmenschlichen, erklärt der Psychoanalytiker und Psychotherapeut Maaz im Interview. „Menschen in Angst und bei seelischer Entfremdung verkaufen sich, verraten sich und sind Mitläufer bei jeder Schandtat.“ Und noch mehr: „Menschen in Angst verlieren ihre Würde. Angst schränkt Denken, Fühlen und Handeln ein. Angst macht irrational, extrem unsicher und abhängig. Angst sehnt sich nach Erlösung und Rettung.“ 

Betreutes Denken

Bei der Erzeugung des „Angst-Komplexes“ durch permanente Übertreibungen und Falschdarstellungen spielen laut dem Psychoanalytiker die Medien eine wichtige Rolle. „Die öffentlich-rechtlichen und die großen Printmedien haben in meinen Augen völlig versagt. Sie haben sich im Wesentlichen auf Regierungspropaganda reduziert. Der kritische, investigative Journalismus ist praktisch aufgegeben worden.“

Der Publizist Bittner misstraut auch beim Thema Ukraine den westlichen Medien sowie der ukrainischen Regierung und schreibt in seinem Beitrag: „Viele Vermutungen, Unterstellungen, Bösartigkeiten, Diffamierungen. Die Realität sieht anders aus.“

Der Ex-Bundestagsabgeordnete und Friedensaktivist Neu kritisiert die Abschaltung von Medien in West und Ost: „Um ihre Meinungsbildung abrunden zu können, müssen Menschen in der Lage sein, von den diversen Medien aus diversen Ländern unterschiedliche Informationen aufzunehmen, sich auf dieser Grundlage ein eigenes Bild und eine eigene Meinung bilden zu können.“ Er spitzt zu: „Betreutes Denken, statt mündiger Bürger, scheint die Devise zu sein.“

Notwendige Brücken

In einem Auszug aus dem Buch „Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung“ benennt der österreichische Journalist Hofbauer „Zäsuren westlicher Russophobie“. Die russophobe Spirale wurde aus seiner Sicht bereits vor dem Rücktritt Boris Jelzins als Präsident Russlands in Gang gesetzt – als die Nato im März 1999 Jugoslawien überfiel. Der Antiamerikanismus seitens Russlands und die antirussische Hetze des Westens wurden seitdem immer schlimmer, beobachtet Hofbauer.

Er schreibt: „De facto standen hinter den sich seit April/Mai 2014 bekämpfenden Kriegsparteien die Nato auf der Seite Kiews und Russland auf der Seite des Donbass. Aus dem Kampf um die Ukraine wurde ein Stellvertreterkrieg.“ Und mit der Resolution 758 des US-Repräsentantenhauses in Washington am 4. Dezember 2014 wurde der US-Präsident aufgerufen, sich auf einen Krieg mit Russland vorzubereiten. Der Schweizer Militärexperte Baud macht klar: „Es braucht einen klaren Kopf und die Fakten, die hinter der ganzen Entwicklung stehen.“

Die Beiträge im Heft zeigen, dass es jetzt erst recht notwendig ist, statt Brücken abzureißen solche neu aufzubauen, um Frieden zu ermöglichen – nicht nur in der Ukraine, sondern in Europa und weltweit, schreibt Redaktionsleiter Gräser im Editorial und zitiert einen Online-Kommentar: „Wer Krieg will, schickt Waffen, wer Frieden will, schickt Diplomaten.“

Die verfestigte globale Spaltung – auch durch die „Corona-Krise“ – sieht der Friedensforscher Ganser überwindbar und bleibt optimistisch: „Weil wir als Menschen verantwortlich für die Gewalt sind, haben wir auch den Schlüssel in der Hand, das Drama zu beenden.“ Dazu will das neue Printmagazin „ViER.“ laut seinem Herausgeber Strachau beitragen.

Die Autorin ist promovierte Sprachwissenschaftlerin mit langjähriger Studien- und Arbeitserfahrung in Russland, Spanien, Großbritannien und Deutschland. Die gebürtige Ungarin lebt seit 2010 in Berlin. Acht Jahre arbeitete sie an der Hartnackschule Berlin als Dozentin für Deutsch als Zweitsprache. Von September 2020 bis zum Verbot der Verbreitung der russischen Medien in der EU arbeitete sie als Korrektorin/Lektorin/Autorin für das Nachrichtenportal Sputnik News Agency (SNA).