10. Juni 2022

Konzert für Assange: Lieder und Worte vom Widerstehen

Von Petra Székely

Die Situation des australischen Journalisten Julian Assange ist ein Symbolfall für die Verfolgung regierungskritischer Stimmen. Auf dem Solidaritätskonzert für Julian Assange am 3. Juni in der Berliner Musikbrauerei versammelte sich eine Kunstszene, die sich nicht einschüchtern lässt und sich jenseits von Denk- und Sprechverboten gut zu amüsieren weiß.

Für Jens Fischer-Rodrian, Künstler und Organisator der Veranstaltung, ist der Fall Assange „der größte Presseskandal, seitdem es Medien gibt“. Im April dieses Jahres wurde der formelle Auslieferungsbeschluss gegen den Enthüllungsjournalisten erlassen. Die Bundesregierung schweigt dazu. Auch eine Annalena Baerbock ist nun still; hatte sie sich vor ihren Zeiten als Außenministerin noch Pro Assange geäußert. Dem Gründer der Enthüllungsplattform „WikiLeaks“ drohen in den USA bis zu 175 Jahre Haft.

Größtenteils wird er auf Basis des anachronistischen, der Rede- und Pressefreiheit entgegenstehenden US-Gesetzes Espionage Act angeklagt. Selbst von Berufskollegen wird der Journalist Assange diffamiert, etwa als „Idol des Rechtsextremismus“ (Veronika Kracher, „Jungle World“ vom 18. April 2019), um eine Solidarisierung zu verhindern – dabei ist die Öffentlichmachung von Unrecht eine Kernaufgabe des Journalismus. Was bedeutet der Umgang mit Assange also für die journalistische Arbeit und Pressefreiheit?

Deutsche Zustände

„Bestrafe einen, erziehe Hunderte", so Fischer-Rodrian über das Prinzip des Vorgehens der Herrschenden. Er nennt Beispiele von kritischen Stimmen aus Deutschland, wie den Weimarer Amtsrichter, der aufgrund seines Urteils gegen eine Maskenpflicht an Schulen wegen Rechtsbeugung angeklagt ist, oder den kritischen Arzt und Publizisten Paul Brandenburg. Denn auch in Deutschland gibt es „Erziehungsmaßnahmen“: Brandenburg etwa wurde unlängst vom Sondereinsatzkommando (SEK) der Polizei „besucht“.

Weitere Zensurpraktiken wie etwa Demonetarisierungen und Sperrungen von „YouTube“-Kanälen, die sich kritisch mit den Corona-Maßnahmen auseinandersetzen, sind gang und gäbe. Das hat auch der Comedian Nikolai Binner, ebenfalls beim Abend in Berlin dabei und nach Meinung der „taz“ „fast prototypische[r] Comedian der Neuen Rechten “. Er weiß von Briefen der Staatsanwaltschaft zu berichten, die in seinen maßnahmenkritischen Witzen strafrechtlich relevantes Potential erkennen wollen.

Veranstalten –aber wie?

Befragt nach eventuellen Schwierigkeiten bei Organisieren von Veranstaltungen sagt Fischer-Rodrian: „Auf Ebene der Maßnahmen kann man gerade ja überall was machen, aber es ist schon schwieriger, wenn man zum Beispiel längerfristige Reihen planen will, da man nicht weiß, was der Herbst bringen wird. Auf inhaltlicher Ebene, da wir beim Konzert etwa mit dem Medienportal „apolut“ kooperiert haben, bei dem der verfemte Ken Jebsen aktiv ist, gibt es von Bedenkenträgerei bis zu Wutmails die ganze Bandbreite. Aber mit der Musikbrauerei haben wir einen tollen Partner gefunden.“

Jens Fischer-Rodrian beim Konzert (Foto: privat)

Das Solidaritätskonzert ist Teil des Projekts „Protestnoten“, welches eine CD und ein Buch, herausgegeben von Gunnar Kaiser, umfasst. Die Einnahmen des Abends gehen an Assanges Ehefrau, die Anwältin Stella Moris. Das Konzert jedenfalls war ausverkauft und die Musikbrauerei mit gutgelauntem Publikum befüllt. In einer Ecke wurde ein riesiges Assange-Porträt gemalt, in einer anderen der kleine Raum, in dem Assange isoliert in der ecuadorianischen Botschaft lebt, nachgebaut.

Kunst und Freiheit

Auf der Bühne gab es zwischen den künstlerischen Beiträgen Medien- und Systemkritik, die den Fall Assange als beispielhaft für den Umgang mit kritischen Stimmen, gerade auch in der Corona-Zeit und nun in Kriegszeiten begreift. Ärger und Fassungslosigkeit darüber, dass so viele etablierte Künstler still sind oder sich gar aktiv an Staatsseite schmiegen, war spürbar.

Jens Fischer-Rodrian und Lou Rodrian auf der Bühne (Foto: privat)

Von der Bühne herab wurden Geschichten erzählt, wie Udo Lindenberg, der „ehemalige Staatsfeind der DDR“, nun T-Zellentests von seinen Mitmusikern verlangt. Die Violinistin Marta Murvai stellt Überlegungen an, warum die klassischen Musiker nicht lauter protestieren. Sie würden bloß „nach Noten spielen und keine Fragen stellen“. Die Liedermacher Lui Koray und Jakob Heymann präsentierten sich als interessante, mitreißende Stimmen und Nikolai Binner sorgte wie üblich für lauten Jubel, wenn er fröhlich politische Korrektheit und linksliberale Unarten zerstört.

Die künstlerischen Darbietungen waren immer dann besonders stark, wenn es entweder kleine, zarte Betrachtungen waren oder die großen, ewigen Fragen nach Mut, Schuld und Zugehörigkeit aufgeworfen wurden.

Wenn konkrete Forderungen wie nach einem neuen Geldsystem besungen werden, läuft die zweckfreie Kunst Gefahr, ins Predigerhafte umzuschlagen – aber zum Glück war das an dem Abend in Berlin nur eine marginale Sorge. Denn, wie Alexa Fischer-Rodrian singt: „Liberty is not a statue“ – sondern ein täglicher Kampf gegen die ganz realen Unterdrückungen, den zu führen wieder einmal wichtiger denn je scheint.